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Es ist Zeit für eine neue Berührungskultur!


Ich arbeite seit sechs Jahren als Kuscheltherapeutin und beschäftige mich in meinem Berufsalltag u. a. mit den Entstehungsursachen für Berührungsmangel bei meinen Klient:innen. In diesem Beitrag werde ich sie in drei unterschiedliche Gruppen einordnen und die größte davon genauer anschauen.


Auf der einen Seite haben wir eine hohe Anzahl von Menschen, die durch übergriffige Berührungen traumatisiert sind und für die Überwindung dieser ungewollten körperlichen Prägung dringend eine "Überschreibung" mit achtsamen, positiven Berührungserlebnissen suchen. Wenn Vertrauen, Sicherheit und Sympathie im Raum sind, passieren in der Kuschelpraxis zutiefst berührende Sprünge in Richtung Heilung, Verbundenheit, Entspannung. Und dabei geht es keineswegs um die Sexualität der Klient:innen, sondern primär um das verlorene Vertrauen zu anderen Menschen. Mein Fazit und auch Appell an die Psychotherapeut:innen: PTBS* braucht mehr als eine verbale Psychotherapie!


Eine zweite Gruppe sind chronisch kranke Menschen, die durch ihre psychische und/oder körperliche Konstitution ins soziale Abseits geraten. Hierzu zählen u. a. Depressionen, Sozialphobien, Angststörungen, Long-Covid, PTBS nach Unfällen, ME/CFS*, Morbus-Crohn, Rheuma, Krebserkrankungen u.v.a. Diese Menschen haben einen oft jahrelangen steinigen Weg hinter sich und würden ganz anders ihre Krankheiten tragen können, wenn sie regelmäßig empathische Zuwendung ohne Ratschläge und Schubladen erleben würden. Wir kennen das alle - wenn wir krank sind oder akut etwas Heftiges zu verarbeiten haben (z. B. einen (Beinahe-)Unfall), tut uns Zuspruch unglaublich gut. Leider ermüdet der empathische Muskel, wenn uns keine klassische Heldenreise à la "Krebsdiagnose-OP-Chemo-vollständige Heilung-Halbmarathon" geboten wird. Hier kann die Kuscheltherapie als regelmäßige Maßnahme die Lebensqualität steigern - wie eine Vitaminkur.


Und drittens sind da die eigentlich "ganz Normalen". Bei denen einem der Gedanke kommt: "Das hätte ich auch sein können - wenn mir nicht z.B. meine Freund:innen, meine Partner:innen und meine Kinder passiert wären". Menschen, die vielleicht etwas zu schüchtern waren, um sich auf den klassischen pubertären Beziehungsmarkt zu schmeißen und später aus lauter Scham über ihre Unerfahrenheit umso unsicherer wirkten. Menschen, deren letzte Beziehung so unschön geendet ist, sodass sie nach jahrelangem Wundenlecken etwas zu eigen und "kompliziert" geworden sind, um ein zweites Date bei Parship angeboten zu bekommen. Menschen, die den gängigen Schönheitsidealen nicht entsprechen - wo Deckel und Topf sich nicht finden. Menschen über 70, deren Partner:innen und Freund:innen verstorben sind, und/oder sich kognitiv in die Demenz verabschieden.


Über diese "Normalen" soll es hier gehen. Stell dir vor, wir hätten eine Alltags-Kultur, in der Kolleg:innen essenzielle Gespräche in den Pausen oder Teambuilding-Maßnahmen miteinander führen und so erfahren, wer gerade besondere Unterstützung braucht. Wo eine Umarmung in diesem Kontext auch am Arbeitsplatz kein Aufsehen erregt. Eine Kultur, in der man einen traurig aussehenden Menschen im Bus fragt, ob er oder sie die Hand gehalten haben möchte. Und vor allem, in der es selbstverständlich ist, dass wir unsere Freund:innen und Verwandte um ein Ohr und auch ihre körperliche Zuwendung bitten können. Wo beide Seiten ein liebevolles NEIN und ein herzliches JA können. Ich wünsche uns allen, dass wir uns dessen bewusst sind, welch große regulative Kraft in der empathischen Körperzugewandheit liegt. Wie schnell der Cortisolspiegel sinkt und die Muskelverspannungen, die düsteren Gedanken und die Isolationsgefühle schwinden, wenn wir uns einfach nur zehn Sekunden herzen. Hast du Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Verdauungsprobleme? Bevor Du zum Arzt/Ärztin gehst, empfehle ich 20 Minuten Kuscheln mit einem befreundeten Menschen.

Ich glaube, man kann es mit dem Umweltschutz vergleichen: Wenn jede:r nur einen Schritt mehr wagt und kultiviert, wäre schon sehr viel getan. Was fällt uns gar nicht so schwer und wir haben es nur nicht getan, weil es nicht ganz der kollektiven Norm entspricht? Wen sehe ich ganz konkret vor meinem geistigen Auge, dem eine Berührung gut tun könnte? Wer könnte einsam sein und sich eine Umarmung wünschen? Wer hat in meinem Umfeld Verständnis für meine Bitte, mich ankuscheln zu wollen?


Hast Du Lust, deine (neuen) Alltagsberührungs-Erlebnisse mit mir zu teilen? Ich würde sie gerne sammeln und anonymisiert auf der Kuschelpraxis-Website veröffentlichen.


Mit herzlichen Grüßen,

Alexandra


* PTBS = Eine posttraumatische Belastungsstörung bezeichnet wiederholte

und intrusive Erinnerungen an ein überwältigendes traumatisches Ereignis.


* ME/CFS = Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue-Syndrom ist eine chronische Erkrankung, die die Lebensqualität vieler Betroffener stark einschränkt. Zu den Beschwerden zählen unter anderem Fatigue, also starke Erschöpfung, Schmerzen sowie Schlaf- und Konzentrationsstörungen.


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